Ildefons Cerdá i Sunyer und seine Vision von Barcelona _repost_

5 11 2011

Der Stadtteil Eixample war vom Reißbrett geplant. Heutzutage prägt es die “Cuidad condal” (gräfliche Stadt) und macht sie mit zu einer der Welt-Metropolen. Der Mikrokosmos ist bunt, vibrierend, vielfältig, extravagant, gediegen und bietet wunderbare Architektur. Doch wer steckt dahinter? Ironischerweise stammt er aus Centelles, einem kleinen Dorf in Katalonien.

Cerdá-Skulptur von Jordi Díez in seinem Geburtsort Centelles. Der Stadtverwaltung von Barcelona stiftete den Großteil von 50.000 Euro

Wenn man nach bekannten Persönlichkeiten Barcelonas fragt, erhält man meist dieselben Antworten. Allen voran wird Gaudí genannt, Güell und vielleicht der eine oder andere Adlige. Kaum beachtet wird der 1815 geborene Ildefons Cerdá i Sunyer, der als erster seiner Zeit überhaupt sich mit Stadtplanung befasste. Neben Gaudí war er einer derjenigen, die das Stadtbild bis heute massgeblich gestalteten.

Angestoßen wurden seine Pläne durch die industrielle Entwicklung und den Wachstum, durch die damit verbundene Bevölkerungsexplosion innerhalb der Stadtmauern von Barcelona. Deswegen beschied die Madrider Zentralregierung 1854 die Mauern einzureißen und die Vergrößerung zu erlauben. Es sollte Platz für 800.000 Einwohner entstehen. Für die Erweiterung (auf katalanisch Eixample, von dem der Name des Stadtteils herrührt) spielte der ehemalige Bauingenieur eine erhebliche Rolle: So sprach er sich für Wohnungspreise aus, die sich jeder leisten konnte und stellte neueste technische Errungenschaften in den Vordergrund. Wie zum Beispiel ein öffentliches Straßennetz und moderne Abfallbeseitigung und Kanalisation, Dinge die bis dato kein Mensch einen Gedanken verschwendet hatte.
Sein Ansatz war ein sozialistischer, für die er später kritisiert werden sollte. Er wollte, dass alle Bürger mehr oder weniger dieselben Möglichkeiten haben würden: Zugang zu öffentlichen Gebäuden, Verkehr und Kommunikation. Parks und Grünflächen waren in seiner Vision stark betont. Ebenso Sonnenlicht, Ruhe und Erholung sowie verbesserte hygienische Bedingungen und die Beseitigung der Wohnungsknappheit.
In seinem strengen Schachmuster waren Fußgänger genauso wichtig wie Spielplätze, Pferdekutschen und Straßenbahnen. Er wollte die Bürger zusammenbringen und ihnen eine ausreichende Lebensgrundlage mit Energieversorgung verschaffen. Die Gasleitungen sind auf seine Initiave entstanden.

Das Rasternetz war das erste seiner Art und somit Vorbild. Von den ursprünlich zwei geplanten Diagonalen wurde nur eine umgesetzt.

Die Erweiterung umfasste eine Fläche von 16 km², die Straßen sollten jeweils 20 Meter breit sein. An den Kreuzungen sollten sich die Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft und gesellschaftlicher Klasse, treffen und verabreden – “für mehr Brüderlichkeit unter den Menschen” Ildefons Cerdás Worten nach.

Theoretisch sollte die soziale Ungleichheit durch sein Rastermuster mit zwei Diagonalen abgemildert werden. Von den zwei ursprünglich geplanten Diagonalen wurde nur die Avenida Diagonal umgesetzt, symptomatisch für die spätere Entwicklung. Denn Politiker der spanischen Regierung veranlassten eine Überarbeitung nach der anderen, so dass von den niedrigen Gebäuden und den Privatgärten nichts mehr übrigblieb. Gut für Spekulanten. Von seinen als “sozialistisch” gescholtenen Grundgedanken blieb später nicht viel mehr als die verkehrsfreundliche Infrastruktur. Angedachte Schulen, Marktplätze usw. wurden zweckentfremdet für Wohneinheiten genutzt – von denen sich Investoren mehr Profit versprachen.

Cerdá sah weit in die Zukunft, dachte an verschiedene Straßenbeläge für Reiter, Passanten und Droschken. Er sah Verkehrsinseln mit verschiedenen Verkaufsständen, Straßentheater an öffentlichen Plätzen und Wasserpumpen vor. Auch an erste Hilfe-Stationen und eine preisgünstige Beleuchtung dachte er. Architektonisch gesehen ließ er viele Gebäude zu, deren Fassaden zu dem “Modernismo” zählen.

Verspielte Architektur traf den Zeitgeist des Modernismo, dem spanischen Jugendstil

Doch die restriktiven Bestimmungen seine Plans (Teoriá general de la urbanización), die vor allem die Nutzungsdichte für die Industrie einschränkte, führte zu einer sehr langsamen Stadtentwicklung. Erst nachdem die Wasservorsorge gesichert war und die Nachfrage nach mehr Wohnraum anhielt, investierten zahlreiche Fabrik- und Grundbesitzer in die Bebauung. Die ständige Preissteigerung führte dazu, dass das Eixample zu einem gefragten Viertel für gutbetuchte Bürger wurde.

Die Casa Batlló auf der Passeig de Gracia von Gaudí

Heute daran zu erkennen, dass Prachtstraßen wie die Passeig de Gracia und auch die Rambla Catalunya mit ihren noblen Boutiquen, Schmuckläden und Cafes Anziehungspunkte für internationale Luxusmarken wie Louis Vuitton sind.

Neben der upper class  haben sich viele Künstler, Musiker, Designer und viele Gastronomien niedergelassen. Unser Restaurant wird ja ebenso gerade im Eixample renoviert. Das wird nebenbei auch “Gayxample” genannt, da viele Schwule zugezogen sind. Cerdá starb 1876 übrigens verarmt, auch weil er nie für seine Pläne entlohnt wurde. Aber es ist mitunter sein Verdienst, dass die Innenstadt so belebt ist – sein Erbe kann sich jeder Tourist ansehen.

Privates Handy-Foto vom Louis Vuitton Schaufenster, ist ja schliesslich ein Modeblog. Sorry für die schlechte Quali

Dieser Post ist ein überarbeiteter alter Eintrag, den ich für www.gastromacher.de geschrieben habe. Das erste Foto ist von der Tageszeitung el pais, der Rest sind bis auf das vom Grundriss des Eixample alles private Bilder.





Klein, aber oho, oh, Ho-Ho-Hooolz!

19 01 2011

Vor kurzem habe ich ja etwas über Bio-Öko-Nachhaltigkeits-Life-Style-Produkte gepostet; das muss ja kein Widerspruch sein, aber oft genug ist der Anspruch so hoch, dass er mich nervt. Nicht falsch verstehen, ich find das gut, aber das muss ja nicht zum vierfachen Preis angeboten werden. Und den Beweis bleiben uns die Hersteller ohnhin schuldig, oder wer fragt bei den Designern nach, wo sie welche Materialien herbekommen und welche Arbeitsbedingen herrschen? Ich habe mal in dem Magazin “Neon” gelesen, dass in einem koreanischen Supermarkt es den Verkäuferinnen nicht erlaubt war, aufs WC zu gehen – stattdessen sollten sie Windeln tragen!

Durch die Fassade aus Pinienholz und der runden Formen fügen sich die Module harmonisch in die Umgebung ein.

Lass ich mal so stehen, da fällt einem eine Überleitung schwer. Heute möcht ich euch “NOEM” vorstellen. Diese Designerschmiede hat sich auf kleine, mobile Wohnhäuser spezialisiert und ist gerade extrem erfolgreich (zumindest was die PR anbetrifft ;-) ) Mit den Schlagworten: abbaubare Rohstoffe, transportabel und  im modernen Gewand. Ihre Öko-Einstellung wird in ihrem Firmen-Namen deutig. NOEM bedeutet nichts anderes als No emissions.

Abhängig von seinem Energiebedarf kann der Haus-Eigentümer über eine Anlage den eigenen CO2-Verbrauch regulieren. NOEM verspricht eine vollständige unabhängige Energie-Versorgung durch eine Solaranlage. So soll der Emissionswert unter 15 KW/qm liegen. Das Innenleben der kleinen Module, die man leicht abbauen und an eine andere Stelle bewegen kann, um sie nach individuellen Bedürfnissen anders wieder zusammenzubauen, sind ausschliesslich aus Natur-Rohstoffen gefertigt. Das gilt natürlich auch für die Innenausstattung. Ein weiterer Vorteil liegt darin begründet, dass man auch kein Fundament braucht. Eine teure sowie beschwerliche Untermauerung aus Zement ist nicht erforderlich.

Die Wohneinheiten sind klein und können mit Leichtigkeit abgebaut werden und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden

Die Wohneinheiten kann man ab der Größe von 23 Quadratmetern erwerben. Der Clou ist dabei, dass sie in einer Art Baukastensystem beliebig erweitert werden können. So kann es eine Alternative zu einem normalen Wohnhaus darstellen oder als Ferien-Rückzug dienen. Oder als Office auf dem Land, Übergangslösung oder doch lieber als ein innovatives Gartenhäuschen? Ich würde es als Kunst-Atelier nutzen wollen;-)

NOEM liefert überall in Europa hin aus. Die Montage dauert 2 – 3 Tage, das System kann auch an örtliche Wasser- und Energieversorger angeschlossen werden. Es werden auch verschiedene Terassen angeboten, ganz nach Kundenwunsch.

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Mehr Infos auf der website: www.noem.com, leider nur auf spanisch.





Ildefons Cerdá i Sunyer und seine Vision von Barcelona _repost_

13 01 2011

Der Stadtteil Eixample war vom Reißbrett geplant. Heutzutage prägt es die “Cuidad condal” (gräfliche Stadt) und macht sie mit zu einer der Welt-Metropolen. Der Mikrokosmos ist bunt, vibrierend, vielfältig, extravagant, gediegen und bietet wunderbare Architektur. Doch wer steckt dahinter? Ironischerweise stammt er aus Centelles, einem kleinen Dorf in Katalonien.

Cerdá-Skulptur von Jordi Díez in seinem Geburtsort Centelles. Der Stadtverwaltung von Barcelona stiftete den Großteil von 50.000 Euro

Wenn man nach bekannten Persönlichkeiten Barcelonas fragt, erhält man meist dieselben Antworten. Allen voran wird Gaudí genannt, Güell und vielleicht der eine oder andere Adlige. Kaum beachtet wird der 1815 geborene Ildefons Cerdá i Sunyer, der als erster seiner Zeit überhaupt sich mit Stadtplanung befasste. Neben Gaudí war er einer derjenigen, die das Stadtbild bis heute massgeblich gestalteten.

Angestoßen wurden seine Pläne durch die industrielle Entwicklung und den Wachstum, durch die damit verbundene Bevölkerungsexplosion innerhalb der Stadtmauern von Barcelona. Deswegen beschied die Madrider Zentralregierung 1854 die Mauern einzureißen und die Vergrößerung zu erlauben. Es sollte Platz für 800.000 Einwohner entstehen. Für die Erweiterung (auf katalanisch Eixample, von dem der Name des Stadtteils herrührt) spielte der ehemalige Bauingenieur eine erhebliche Rolle: So sprach er sich für Wohnungspreise aus, die sich jeder leisten konnte und stellte neueste technische Errungenschaften in den Vordergrund. Wie zum Beispiel ein öffentliches Straßennetz und moderne Abfallbeseitigung und Kanalisation, Dinge die bis dato kein Mensch einen Gedanken verschwendet hatte.
Sein Ansatz war ein sozialistischer, für die er später kritisiert werden sollte. Er wollte, dass alle Bürger mehr oder weniger dieselben Möglichkeiten haben würden: Zugang zu öffentlichen Gebäuden, Verkehr und Kommunikation. Parks und Grünflächen waren in seiner Vision stark betont. Ebenso Sonnenlicht, Ruhe und Erholung sowie verbesserte hygienische Bedingungen und die Beseitigung der Wohnungsknappheit.
In seinem strengen Schachmuster waren Fußgänger genauso wichtig wie Spielplätze, Pferdekutschen und Straßenbahnen. Er wollte die Bürger zusammenbringen und ihnen eine ausreichende Lebensgrundlage mit Energieversorgung verschaffen. Die Gasleitungen sind auf seine Initiave entstanden.

Das Rasternetz war das erste seiner Art und somit Vorbild. Von den ursprünlich zwei geplanten Diagonalen wurde nur eine umgesetzt.

Die Erweiterung umfasste eine Fläche von 16 km², die Straßen sollten jeweils 20 Meter breit sein. An den Kreuzungen sollten sich die Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft und gesellschaftlicher Klasse, treffen und verabreden – “für mehr Brüderlichkeit unter den Menschen” Ildefons Cerdás Worten nach.

Theoretisch sollte die soziale Ungleichheit durch sein Rastermuster mit zwei Diagonalen abgemildert werden. Von den zwei ursprünglich geplanten Diagonalen wurde nur die Avenida Diagonal umgesetzt, symptomatisch für die spätere Entwicklung. Denn Politiker der spanischen Regierung veranlassten eine Überarbeitung nach der anderen, so dass von den niedrigen Gebäuden und den Privatgärten nichts mehr übrigblieb. Gut für Spekulanten. Von seinen als “sozialistisch” gescholtenen Grundgedanken blieb später nicht viel mehr als die verkehrsfreundliche Infrastruktur. Angedachte Schulen, Marktplätze usw. wurden zweckentfremdet für Wohneinheiten genutzt – von denen sich Investoren mehr Profit versprachen.

Cerdá sah weit in die Zukunft, dachte an verschiedene Straßenbeläge für Reiter, Passanten und Droschken. Er sah Verkehrsinseln mit verschiedenen Verkaufsständen, Straßentheater an öffentlichen Plätzen und Wasserpumpen vor. Auch an erste Hilfe-Stationen und eine preisgünstige Beleuchtung dachte er. Architektonisch gesehen ließ er viele Gebäude zu, deren Fassaden zu dem “Modernismo” zählen.

Verspielte Architektur traf den Zeitgeist des Modernismo, dem spanischen Jugendstil

Doch die restriktiven Bestimmungen seine Plans (Teoriá general de la urbanización), die vor allem die Nutzungsdichte für die Industrie einschränkte, führte zu einer sehr langsamen Stadtentwicklung. Erst nachdem die Wasservorsorge gesichert war und die Nachfrage nach mehr Wohnraum anhielt, investierten zahlreiche Fabrik- und Grundbesitzer in die Bebauung. Die ständige Preissteigerung führte dazu, dass das Eixample zu einem gefragten Viertel für gutbetuchte Bürger wurde.

Die Casa Batlló auf der Passeig de Gracia von Gaudí

Heute daran zu erkennen, dass Prachtstraßen wie die Passeig de Gracia und auch die Rambla Catalunya mit ihren noblen Boutiquen, Schmuckläden und Cafes Anziehungspunkte für internationale Luxusmarken wie Louis Vuitton sind.

Neben der upper class  haben sich viele Künstler, Musiker, Designer und viele Gastronomien niedergelassen. Unser Restaurant wird ja ebenso gerade im Eixample renoviert. Das wird nebenbei auch “Gayxample” genannt, da viele Schwule zugezogen sind. Cerdá starb 1876 übrigens verarmt, auch weil er nie für seine Pläne entlohnt wurde. Aber es ist mitunter sein Verdienst, dass die Innenstadt so belebt ist – sein Erbe kann sich jeder Tourist ansehen.

Privates Handy-Foto vom Louis Vuitton Schaufenster, ist ja schliesslich ein Modeblog. Sorry für die schlechte Quali

Dieser Post ist ein überarbeiteter alter Eintrag, den ich für www.gastromacher.de geschrieben habe. Das erste Foto ist von der Tageszeitung el pais, der Rest sind bis auf das vom Grundriss des Eixample alles private Bilder.








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